Mittwoch, 10. Mai 2017

Zwergenkostüm 2.0 - eine Tunika! [WIP]


Zwerge und ihre Bekleidung liegen mir am Herzen. Mein erster Larpcharakter war eine Zwergin (übrigens war einer der Hauptgründe dafür, dass ich mir dachte, dass ich als damals 18jähriges 1,54 m-50 kg-Mädchen im Kampf als Zwergin ernster genommen würde. War tatsächlich der Fall.) und ich habe sie etwa 7 Jahre lang gespielt.

2003, als ich mit Larp angefangen habe, waren Zwerge bestenfalls an der Kombination künstlicher Bart-Axt-Kettenhemd erkennbar, öfter auch gar nicht. Nach etwa zwei, drei Cons dachte ich mir: Das muss doch besser gehen! Ich schaute mir Warhammer-Konzeptzeichnungen an, ich schaute mir den Herrn der Ringe an und überlegte, welche Merkmale Zwergenkleidung haben sollte. Aus meinen Schlussfolgerungen entstand meine erste Zwergenklamotte um 2004/2005 - dieses Outfit.

Ich spiele den Charakter schon länger nicht mehr (hauptsächlich, weil ich Zwergenspiel innerhalb einer Menschengruppe als ziemlich anstrengend empfand), aber ich habe schon ganz lange den Wunsch, endlich wieder eine Zwergenklamotte zu nähen. Jetzt mache ich einfach mal! Vielleicht kann ich ja jemanden inspirieren.


Erstmal ein paar kurze Überlegungen vorab!
Eine Zwergenklamotte sollte

  •  ein bisschen kleiner und gedrungener wirken lassen. Wer groß und schlank wirken möchte, soll bitte zu den Elfen rübergehen ;) 
  •  eckige, geometrische Formen und Detail haben. Das ist ein schöner Kontrast zu den geschwungenen, rundlichen, floralen Elementen der typischen Elfenkleidung
  • gerne in gedeckten, erdigen Farben gehalten sein. Muss nicht unbedingt nur Braun sein, aber Knallrot passt als Hauptfarbe nicht so richtig gut.
  • aus dickeren, strukturierten Stoffen bestehen. Dicke Stoffe tragen auf, Struktur lässt das Outfit interessanter aussehen.
  • viele Details und Schichten (oder Schichtenlook) aufweisen, um den zwergischen Eindruck zu unterstützen. Je schlichter das Ganze ist, desto perfekter sollte es sein!
Fangen wir mit dem Hauptteil an - der Tunika. Es gibt insgesamt drei Ärmelschichten und ich beginne mit der untersten.

An dieser Stelle mache ich einen Bruch - dieser Post wird sehr lang und bilderreich ...
Also, ggf. bitte klicken zum Weiterlesen!



Strukturierte Stoffe sind etwas Tolles. Aber oft teuer und man muss nehmen, was man an Muster, Farbe und Webart kriegt. Man kann aber auch selbst Struktur in einen Stoff bringen – das Zauberwort heißt „Stoffmanipulation“ (auf Englisch „fabric manipulation“; man findet auch Vieles als „Stoffspielereien“).

Ich hatte mir für den Unterarm-Teil etwas mit gewebter Struktur in den Kopf gesetzt. Ich habe dieses Tutorial für „shark’s teeth“ verwendet: http://machwerke.blogspot.de/2015/01/stoffspielereien-sharks-teeth-biesen.html und danach die Dreiecke in der Mitte festgesteppt.

Simple Methode, toller Effekt.

Die kompletten „Unterärmel“ inkl. Zuschnitt, Bügeln und Absteppen haben etwa 2 Stunden gedauert und 70 cm Stoff verschluckt – gar nicht sooo lange, aber das Ergebnis gefällt mir sehr!

Schicke Struktur! Allerdings rutschen die eingeklappten Dreiecke manchmal raus und müssten fixiert werden.

Die Ärmel müssen natürlich irgendwo dran. Ich verwende ein normales Tunikaschnittmuster, diesmal recht weit. Man kann auch eine supersimple zweiteilige Tunika nehmen (Anleitung: http://mondkunst.blogspot.de/2016/06/schnittmuster-larp-tunika-mit-echt.html), dann muss man keine Ärmel einsetzen. Aber dann muss man für den Unterärmel eine separate Tunika nähen; den kann man schlecht in den weiten Überärmeln befestigen.

 Ich habe mich für eingesetzte Ärmel entschieden. Die obere Hälfte der dunkelbraunen Ärmelschicht mache ich als Puffärmel (nach dieser Anleitung kann man sich gepuffte Ärmel aus normalen basteln: http://diy-projectcrazy.blogspot.de/2012/04/make-puff-sleeve-pattern.html - ich habe Version 2 genommen), dadurch bekomme ich ein bisschen zusätzliches Volumen, damit die drüberliegenden Ärmel weniger in sich zusammenfallen.

Oben weit, unten eng.

Für die Tunika habe ich dunkelrotes, meliertes Baumwollmischgewebe verwendet. Das ist relativ dünn, aber da ich für mich mehr Volumen brauche, mache ich einen Steppstoff draus. Als Füllung habe ich alte Biberbettlaken genommen und als Futter rotbraunen Baumwollbatist.

 Erst habe ich ein Probestück gemacht und festgestellt, dass mir der Stoff mit 2 Schichten Füllung am besten gefällt. Dann ein Sandwich gemacht (Futter, Füllung, Oberstoff) – Futter und Füllung stehen ein gutes Stück über, das ist Absicht: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Oberstoff sich beim Absteppen gerne verschiebt. Blöd, wenn er dann irgendwo über Futter und Füllung herausragt … deshalb habe ich ein bisschen Wegrutsch-Zugabe und schneide das, was hinterher noch übersteht, einfach ab.

Für den Ärmel ist die Lineallänge noch gut geeignet.

Die Karo-Steppung habe ich mithilfe eines Geodreiecks und eines langen Lineals (1 Meter, gibt’s manchmal beim Aldi) aufgezeichnet. Man tut sich einen großen Gefallen, wenn man die Linealbreite als Karobreite verwendet – aber diesmal wollte ich kleinere Kästchen und habe ein schmaleres Lineal verwendet. Deutlich mehr Arbeit, aber ich finde es für diesen Zweck einfach schöner.


Für all die Lagen empfiehlt sich eine scharfe Schere.

Bei den langen Abstepplinien empfehle ich, langsam zu nähen, auch wenns schwerfällt (weil man diverse Meter Naht vor sich hat): Wenn man schnell näht, verschiebt sich der Stoff und schlägt Wellen. Ein bisschen Wellengang habe ich trotz vorsichtigen Nähens immer noch drin, aber es hält sich in Grenzen.

Ich mag einfache Schnitte fürs Larp.

Jetzt haben wir schöne große rautengesteppte Tunikateile und die brauchen noch schöne Applikationen! "Geometrisch, eckig, breit" war das Motto. Beim Ärmel nur bedingt breit.

Eigentlich hätte ich sehr gerne dunkelrote Applikationen gehabt. Aber ich habe partout keinen passenden Stoff gefunden, also nehme ich notgedrungen meinen rotbraunen Batist.

Applikationen mache ich immer so:
1. Vlieseline auf die Rückseite des Applikationsstoffs bügeln
2. Die Vorlage (spiegelverkehrt, falls sie nicht symmetrisch ist) auf die Vlieseline aufmalen.
3. Mit ganz schmalem Zickzack das Motiv umranden.
4. Ausschneiden, so dicht an der Naht wie möglich.
5. Umdrehen, auf dem Stoff befestigen und mit etwas breiterem, dichtem Zickzack aufnähen.

Erstmal ein paar Papierschablonen machen und rumändern.

Zum Befestigen nutze ich bei schmalen Streifen wie dem Ärmelmotiv gerne schmales doppelseitiges Klebeband. Stecknadeln haben da oft nicht genug Halt und Heften ist schwierig bei dem dicken Stoff.

Schritt 4 ist in Arbeit.
Das Ergebnis gefiel mir schonmal gut:


Was man nicht soo gut sieht: Die Applikationen stehen an den Kanten (Halsausschnitt und unterer Saum) mehrere Zentimeter über. Das mache ich deshalb, damit ich einen Saum zum Einschlagen habe - früher habe ich abgesteppte Teile gerne vorm Füllen verstürzt, aber das ist friemelig.

Erst doppelt einschlagen ...

Die Säume habe ich hier per Hand genäht. Das hat einige Arrow-Folgen lang gedauert.

... dann mit kleinen Handstichen annähen.

Sieht kein Mensch, aber ich weiß, dass es innen hübsch ist und fühle mich gut damit :D

Das Zusammennähen der Teile ist etwas mühsam, weil sie recht dick sind. Ich bin da immer sehr dankbar für meine Stoffklammern; mit Stecknadeln ist da nix mehr zu reißen.

Weil ich wusste, dass die Stelle knifflig werden könnte, habe ich die obersten Ärmel (also die zum Torso passenden) eingesetzt, bevor ich die Seitennähte geschlossen habe. So ist die einzige fummelige Stelle der Übergang zwischen Seiten- und Ärmelnaht an der Achsel, der Rest ist einfach.

Weniger einfach war der mittlere Ärmel:

Ich habe ein Reststück melierten Wollstoff ergattert, ziemlich wenig, ich habe es oben, wo der Ärmel sowieso nicht sichtbar ist, mit Baumwollflanell verlängert, den ich auch für den Besatz verwendet habe.
Der Besatz war tricky: Ich wollte einen Spalt drinhaben, deshalb konnte ich ihn nicht einfach unten mit dem Ärmel verstürzen. Also habe ich zunächst den Besatz zweimal pro Ärmel ausgeschnitten und unten Außen- und Innenbesatz verstürzt. Dann habe ich ihn noch ein drittes Mal ausgeschnitten und oben verstürzt.

Unten verstürzt, wie ein Schrägband. Oben, wo ich meine Finger drunterhalte, nochmal verstürzt.

Schwer zu beschreiben. Jedenfalls konnte ich den Besatz dann aufklappen, den zugeschnittenen Ärmel zwischen Außen- und Innenbesatz schieben und weil ich die Oberkante des Außenbesatzes bereits verstürzt hatte, lag der gleich sauber an:


Die Stoffkante liegt zwischen Außen- und Innenbesatz.

Ich hätte die Oberkante des Außenbesatzes auch einfach umklappen können (wie ihr es gleich beim Innenbesatz sehen werdet), aber ein Besatz wird bei mir meist exakter als Umklappen, gerade an schrägen Ecken.
Den Oberbesatz habe ich einfach festgesteppt, mit Geradstich, und dabei schön darauf geachtet, dass der Innenbesatz noch lose bleibt.
Der kommt jetzt dran:

Das ist die Innenseite!

Den Innenbesatz habe ich umgeklappt und per Hand festgenäht. Sah am Ende sogar fast schöner aus als die Außenseite ...

Schließlich habe ich die beiden unteren Ärmelschichten erst aneinander (an der Ärmelkugel) genäht und dann unter den Tunika-Ärmel eingesetzt. Das war nicht so schwierig, weil die Stoffe etwas dünner sind.

Das hier ist also die fertige Tunika, noch ohne Rest (außer der Hose):

Gürtelloses Zwergenoberteil!


Und hier sieht man die Ärmelschichten gut, von der Seite - dabei seht ihr auch schon eine Vorschau auf die übrige Ausstattung:

Mit dem Ärmel-Geschichte bin ich wirklich zufrieden :)

Das wars fürs Erste - den Rest seht ihr nach der nächsten Maus sobald ich Lust hatte, den nächsten mörderisch langen Post zu schreiben ...

Material: viel (Liste folgt später)
Schnitt: selbst erstellt
Verlinkt beim MeMadeMittwoch.

Lg
Nria

Kommentare:

  1. Richtig spannendes Projekt. Und die Stoffmanipulation find ich total cool. Hat was von Drachenschuppen.
    Freu mich auf weitere Berichte

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  2. Ein richtiges kunstwerk! die Falten für die Unterärmel sind der Knaller und die Steppnähte - ganz großes Kino! LG Kuestensocke

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